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16. August 2017

Aussteigen

Umbau bei Weltbild: Verschlankung der Eigentümerstruktur?

Für die angeschlagene Verlagsgruppe Weltbild scheint eine neue Eigentümerstruktur zu kommen, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ unter Berufung auf die KNA berichtet. So soll es einen Kapitalschnitt geben, in dessen Rahmen etliche Gesellschafter aussteigen würden. (Mehr in: boersenblatt.net News)

Französische Liebschaften

1. Kapitel: Das Lächeln der Mona-Lisa

Sie schaut aus dem Abteilfenster. Ihr Lächeln strahlt Offenheit und Wärme aus, aber gleichzeitig liegt etwas Geheimnisvolles in ihren Augen. Ich schaue sie an, lächle zurückhaltend; spiele den Schüchternen, der ich eigentlich auch bin. Das traumhafte Bild ist Anlass zur Freude. Oder – an trüben Tagen wie diesem – Anlass, mein Leben zu ändern.

Die Voraussetzungen dazu waren nahezu perfekt. Ein verregneter Sonntag mit einem verkorksten Wochenendurlaub lag hinter mir. Zu Hause hatte es wieder Knatsch und Frust gegeben. Mit dem letzten Bummelzug war ich aus meiner Kleinstadt kommend im Hauptbahnhof eingetrudelt. Die graue Schütze-Arsch Uniform schluderte am Körper. In der Reisetasche hatte ich noch ein paar Klamotten zum Wechseln.

Umsteigen!

Abfahrbereit der Schnellzug nach Köln, der mich zu meiner Einheit zurückbringen soll. Auf dem Gleis gegenüber der Nachtexpress nach Paris. Aus einem Abteilfenster strahlt das Glück. Sinnlichkeit für einen jungen Burschen, der in der Liebe bisher mehr Wunschträume als erfüllte Erfahrungen hat. Neugierige Augen und ein offener Gesichtsausdruck, als wolle sie die Welt umarmen, als hätte sie einen guten Tag hinter sich und auch der Erfolg von morgen wäre ihr bereits sicher. Solche positiven Momentaufnahmen sind Balsam für mein Wohlbefinden. Ohnehin bin ich ein Typ, der nie lange dem Trübsal nachhängt, auch wenn es fünf Minuten vorher noch so knüppeldick auf mich herunter geprasselt war. Ein Lächeln in der Fußgängerzone, ein einziger Sonnenstrahl am Horizont eines verregneten Himmels, irgend ein nettes Wort, und die Scheiße von gestern ist Schnee von vorgestern. Ich vergesse den bescheuerten Sonntag mit Familienstreit, der zu Hause hinter mir lag, und den Frust beim Gewehrreinigen, den ich ab morgen früh in der Kaserne wieder vor mir haben würde. Also lache ich zurück, einfach so, aus Spaß an der Freude, denn für einen Flirt oder sogar für ein längeres Abenteuer würde die Zeit wohl etwas knapp werden. Ein Quickie auf der Zug-Toilette konnte ich mir nicht einmal in meinen Träumen vorstellen. Ich war ein unerfahrener, naiver Kleinstadttrottel mit wenig ausgeprägtem Selbstbewusstsein, oft von Zweifel geplagt, immer auf der Suche, aber mit einer traumhaft großen Lebens- und Liebeserwartung. Verborgen schlummerte eine gefährliche Sehnsucht nach Unbekanntem in mir. Und zu allem Übel dachte ich, nur ich hätte solche verrückten Ideen; alle anderen Leute seien normal.

„Na, zurück in die Kaserne?“ fragt das Mädchen.

„Hmhm!“ Ich nicke und sie sagt: „Würde mir ganz schön stinken!“

“Hmhm!” Ich nicke wieder, versuche eine Stirnfalte mit einem Lächeln zu verbinden; wahrscheinlich ist wieder nur ein dämliches Grinsen daraus geworden.

“Und du?” frage ich.

“Nach Paris!”

“Paris!” Meine Augen weiten sich. Mein Alter, der zweite Mann meiner Mutter, war in Paris gewesen, Anfang der Vierziger; mit glänzenden Schaftstiefel und in SS-Uniform hatte er sich technisch so geschickt vor dem Eiffelturm fotografieren lassen, dass diese Hanswurst von Einmetersechzig auf dem Foto fast größer als der Turm wirkte.

Schweigen. Wir schauen uns an. Provozierend lächelt das Mädchen. Da muss es wohl passiert sein. Es packt mich, wenn jemand mit den Augen ausdrücken und verstehen kann, mehr als mit langen Sonntagsreden. Heben wir uns die Analyse für später auf…

“Fahr‘ doch einfach mit!” sagt das Mädchen.

“Einfach so…?!”

“Logo! Einfach so!” Sie lacht. Unbekümmert. Als ginge es nicht um die Entscheidung ’Deutsche Kaserne oder Weltstadt Paris’, sondern um die Ecke zu einem Stehkaffee zu Tchibo.

“Ich wette, du traust dich nicht!” neckt sie provozierend und lacht.

Ich steige ein. Der Zug setzt sich in Bewegung. Wird schneller, schlängelt sich unaufhaltsam durch das geordnete Gleisgewirr. In Darmstadt oder Mannheim hätte ich aussteigen können, aber da waren die Weichen schon gestellt. Im Bruchteil einer Sekunde kann sich der ganze Lebenslauf ändern.

Einfach verrückt, so’ne Feststellung…